Gedanken zur Bildung in „Corona“-Zeiten #3

Nun lesen wir also, dass wir unter einem Entschleunigungszwang stehen. Und dass dem durchaus etwas Positives abzugewinnen sei. Eine Relevanzverschiebung werde sich einstellen: Selbst bei Rückkehr in den Normalmodus werden wir die Dinge mit neuen Prioritäten bewerten...

Vielleicht werden gar nicht so wenige von uns das Gefühl haben, das war eine Erfahrung, die gar nicht so unangenehm war. Ein leerer Kalender. Fokus auf Momente, in denen man mal nicht unter Druck arbeitet, unter Zeit-, Erfolgs-, Erwartungsdruck anderer. Morgens aufstehen und gespannt bleiben, was der Tag so bringen mag. Es sei für uns alle ungewohnt, keine Struktur in den Tagen zu haben, sie neu erfinden zu müssen, schreibt Hartmut Rosa, und: „Das tut uns allen gut.“ Unsere unterdessen etwas eingerosteten Selbstorganisations- und Kreativitätskräfte sind auf überraschende Weise neu gefordert.

Soweit die Lage für jene, die normalerweise einen geregelten, überregelten?, Arbeitsalltag haben. Was aber ist mit jenen anderen, die schon lange vor Corona in der Selbstorganisation und der eigenen Kreativität geübt waren, weil sie sich – bewusst selbstgewählt – nicht in eine feste Dienst- und Arbeitsstruktur begeben haben. Mit jenen, die sich dafür entschieden, es solle um ihre eigenen Ideen gehen und um selbstbestimmte Aufträge, verbunden mit einem unabhängigen Tagesrhythmus: mit den sogenannten Selbstständigen? (Nähme man das Wort beim Wort, wären im Umkehrschluss wir, deren Tage sich bis hierher in festen Strukturen bewegten, die Unselbstständigen.) Haben sie nun einen Vorteil, weil sie diese Freiheit gewohnt sind? Weil sie viel gekonnter darin sind, die offenen Handlungsoptionen eines Tages zu nutzen, die unsereinen aktuell ganz schön herausfordern? Das wäre tröstlich – zu fürchten aber ist vielmehr: Das Prekäre an der selbstständigen Lebenssituation einer Ich-AG greift nun mit aller Wucht um sich.

Aber um sie soll es hier nicht gehen. So wichtig es ist, auch sie nicht aus unserem gesellschaftspolitischen Blick zu nehmen.

Die Frage an dieser Stelle soll dennoch eine andere sein, weil sie nicht minder entscheidend ist für das, was im Weiteren auf uns zukommen wird: Wenn selbst wir uns schon von der Situation überfordert fühlen, die Erwachsenen, was ist dann erst mit der Anforderung, die wir stillschweigend an die enorme Selbstorganisationskompetenz all jener Kinder stellen, für die der streng durchritualisierte und -strukturierte Tagesablauf der Schulpflicht ein Segen ist – weil es auch keine Familienstruktur gibt? Für die es keine Begleitung im Tagesablauf zu Hause gibt, wenn Schule nicht mehr stattfindet? Für die es keine Instanz gibt, die ihnen sagt, jetzt ist das dran, dann essen wir zu Mittag und dann machen wir eine Pause mit einem Erdbeer-Smoothie und dann schalten wir die digitalen Medien mal aus und es wird gepuzzelt. Und zwar ein 1.000-Teile Puzzle mit dem göttlichen Finger in der Sixtinischen Kapelle? Was ist mit all jenen Kindern, die Geschwister haben, um die sie sich kümmern müssen, und die sich zu viert oder fünft einen Computer teilen müssen, weil die ganze Familie daran Homeoffice, Lernaufgaben und Arbeitsauftragsrecherche gleichzeitig erfüllen muss?

Die Antwort darauf kann nicht sein, wie jetzt diskutiert wird, dass wir rechtlich klären müssen, ob Hausaufgaben im Homeschooling bewertet und neue Themen eingeführt werden dürfen oder nicht. Die einzig mögliche Antwort hierauf ist, dass Realitätsverweigerung keine Antwort ist. Die Antwort darauf ist, dass wir uns mit allen Kräften, für die wir jetzt freie Ressourcen haben, verantwortungsbewusst und mit klarem Blick auf die Realität der Vorbereitung stellen müssen, was zu leisten sein wird, wenn die Schulen wieder öffnen. Klaus Zierer hat es formuliert und wir dürfen nicht nachlassen, es einzufordern und daran mitzuwirken: „Für den Tag, an dem Schulen wieder öffnen, stellen diese Tendenzen [die Möglichkeiten des Fernunterrichts zu überschätzen] eine große Herausforderung dar. Die dann noch zur Verfügung stehende Zeit wird entscheidend sein, um das Wesentliche durchzunehmen und zu sichern.“

Wir sollten Hartmut Rosas Hinweise nicht nur für uns selbst ernstnehmen, sondern auch für unsere Kinder, denen jetzt die leidliche, oft auch ungeliebte und doch zugleich existentielle Struktur des Schulalltags fehlt. Er sieht eine Chance darin, jetzt das auszubilden, was er Resonanzbeziehung nennt: „die Bereitschaft und Fähigkeit, mit der Welt wieder ernsthaft in Kontakt zu treten: uns selbst und die Umwelt um uns herum wieder mehr wahrzunehmen, ohne gleich auf einen bestimmten Output, eine Optimierung, ein Ergebnis zu zielen.“ Bleiben wir ehrlich, der Bildungsnotstand unserer Gesellschaft wurzelt nicht in wie vielen Wochen auch immer der Schulschließung aufgrund von Corona. Er war vorher schon da und wird es auch hinterher noch sein, und zwar in noch viel massiverem Ausmaß, wenn wir nicht anfangen, der Frage der Bildungsgerechtigkeit mit aller gesellschaftspolitischen Verantwortung ins Auge zu schauen. Sie spitzt sich auf radikale Weise zu in diesen Tagen, wenn wir arglos meinen, wir könnten die ohnehin schon kaum zu bewältigende Aufgabe der Schule zwischendurch für ein paar Wochen einfach mal in die Hand der Eltern legen.

Statt die Frage nach Sanktionierung des Nichtmitmachens durch Bewertung, nach Plattformen, nach Möglichkeiten individueller digitaler Eins-zu-Eins-Betreuung aller Schülerinnen und Schüler durch Lehrerinnen und Lehrer zu stellen, könnten wir ganz leis auch einmal aufhorchen, wenn wir hören, dass eine Grundschullehrerin jedem einzelnen ihrer Kinder einen Brief geschrieben hat. Einfach per Post. Mit einem Päckchen Kressesamen und der Beschreibung, wie man diese sät und pflegt und dass man damit dann ein ganz gesundes und selbstkreiertes Frühstücksbrötchen bestreuen kann. Auch in Familien, in denen wir gar nicht wissen wollen, wie üblicherweise so ein Frühstück vor der Schule aussieht. Wenn es überhaupt stattfindet.

https://www.sueddeutsche.de/panorama/coronavirus-hartmut-rosa-resonanz-unverfuegbarkeit-interview-1.4851904?reduced=true

https://www.sueddeutsche.de/bildung/schulschliessung-fernunterricht-lernen-1.4859141