Warum eine historisch informierte und kritische Debatte über den Bildungsbegriff in der Digitalisierung so wichtig wäre

Der Bildungsbegriff ist ein Metabegriff, der so vielfach er heutzutage auch im Gebrauch ist, sich dennoch jeder bündigen Definition entzieht. Der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck hat seine Qualität einmal so beschrieben, dass dieser „die empirischen Bedingungen seiner eigenen Ermöglichung ständig in sich einholt“. Das bedeutet mit anderen Worten, er lässt sich nur erfassen, indem sein normativer Gehalt und die damit verbundenen konkreten Inhalte unentwegt neu zusammengebaut und in den historischen Kontext gesetzt werden (Koselleck 1990, S. 16). Der Diskurs um die mit ihm verbundenen Normen und Inhalte ergeben sich nach Koselleck über die Selbstthematisierungen derjenigen, die über ihn sprechen. Wer über Bildung sprechen will, kann also zumeist nicht beanspruchen, zu sagen, was Bildung „wirklich“ sei, sondern wer wann etwas darüber gesagt hat, das sich im Diskurs verfestigen konnte. Der Bildungsbegriff hat folglich stets zwei Bedeutungsebenen, die in Wechselwirkung stehen. Er wird idealtypisch als Norm gesetzt und realtypisch durch die handelnden Akteure aus Politik, Bildungsverwaltung und Wissenschaft für Unterrichtsinhalte und -formate ausformuliert und aktualisiert. Was prägt unseren Diskurs über den Bildungsbegriff im digitalen Zeitalter? Gibt es eine Verschiebung im Diskurs?

Zunächst lohnt ein Blick zurück in die Geschichte jener Selbstthematisierungen, die den Begriff bis heute prägen. Der Bildungsbegriff tauchte um 1800 vermehrt im deutschen Sprachgebrauch der gesellschaftlichen Oberschicht auf. Er führte zu jener Zeit bereits zwei normative Konzepte mit sich, die sich aus der Rezeption von Antike und Christentum speisten. In der antiken Rezeption stand die humane Perfektion des individuellen Menschen im Vordergrund, seine Erziehung zu Vollkommenheit, Leistung und Glückseligkeit. Die christliche Tradition verknüpfte Bildung mit dem individuellen Streben nach dem Bilde Gottes. Im 19. Jahrhundert und mit der Industrialisierung mussten diese Idealisierungen über den neuen Bedarf an Bildung und Ausbildung für deutlich mehr Menschen gesellschaftlich geöffnet werden. Der überlieferte Kern, die Idealisierung des Individuums, lebte im Bildungsbegriff des 19. Jahrhunderts dennoch fort. Bildung wurde, erstens, normativ mit individueller Mündigkeit verknüpft. Im Verständnis des Neuhumanismus mit dessen wichtigsten Vertreter Wilhelm von Humboldt war Bildung Gestaltung der „inneren“ Form des Menschen im Verhältnis zur Welt. Hieraus wurde der ethische Anspruch abgeleitet, nach individueller Mündigkeit zu streben und damit die berühmte Kantische Formel eingebunden: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Die zweite normative Idee lag in der  Verknüpfung von Bildung und Arbeit, die vor allem auch durch Hegel eine bis heute wirksame Semantik einführte, indem jede Beschäftigung und Spezialisierung einer Arbeit als Konvergenz zwischen Bildung und Kompetenzen verstanden wurde. Das Individuum hatte für die Wirtschaft und Gesellschaft nützlich zu sein und Bildung musste dazu verhelfen. Diese normative Anforderung wurde in der Praxis intensiv diskutiert, da mit ihr die Frage der Funktionalität von Bildung als Voraussetzung der Ausbildung einherging. Es entstand die Diskussion, die bis heute die Rede über den Bildungsbegriff prägt: der Widerstreit zwischen Bildung und Ausbildung.

Exemplarisch mag die vielzitierte Wortmeldung von Peter Bieri aus dem Jahr 2005 über das Verhältnis von Bildung und Ausbildung angeführt werden: „Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst. Das ist kein bloßes Wortspiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bilden, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben danach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein“.[1]Bieri, Peter: Wie wäre es, gebildet zu sein?, in: Heiner Hastedt (Hg.): Was ist Bildung. Eine Textanthologie, S. 228-229. Bildung, so Bieri, sei nicht denkbar ohne das Wagnis, sich durch das, was man im Bildungsprozess erfährt, verändern zu lassen. Ausbildung hingegen orientiert sich an operationalisierbaren Kompetenzen und Fähigkeiten, die nicht im Hinblick auf ihr bildendes Potential, sondern auf die Einsetzbarkeit des Menschen für verschiedene Zwecke vermittelt und geübt werden.

Bieri stellt den Widerstreit zwischen Bildung und Ausbildung, der sich im Diskurs über den im Bildungsbegriff vollzieht, aktualisiert und wechselnd verschiebt, so vehement heraus, weil in ihm bis heute ein entscheidendes nicht zuletzt ethisches Problem steckt: Was und wen soll Bildung fördern, den einzelnen Menschen und seine potenziellen individuellen Befähigungen oder die operationalisierbaren Kompetenzen, die auf ein konkretes Ausbildungsziel und die ökonomische Nützlichkeit orientiert werden? Mit der jeweiligen Verschiebung in die eine oder andere Richtung werden in der Realität die inhaltlichen Schwerpunkte im Erziehungssystem gesetzt und gesteuert.

In der gegenwärtigen Phase der Digitalisierung verweisen eine Vielzahl an Signalen auf die Verschiebung der Bildungsinhalte hin zu ihrer ökonomischen Verwertbarkeit. Der „21st Century Learner“ in Schule und Hochschule wird für den Arbeitsmarkt vorbereitet, er wird hierfür – international wie national – gemessen, verglichen und „evidenzbasiert“ kategorisiert, um die vermeintlich erforderlichen Kompetenzen abzuleiten.[2]Exemplarisch und als Blaupause für viele andere Bildungsdossiers: Fadel, Charles u.a.: Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen, Hamburg 2017. Bis in Sozialverhalten und Charakterbildung hinein wird von ihm gefordert, sich an die funktionalen Anforderungen der Digitalisierung anzupassen. Daran, die technischen Voraussetzungen hierfür zu schaffen, wird in den Bildungsverwaltungen derzeit hektisch mittels des Digitalpakts gearbeitet. Die neue Ausrüstung von Schulen und Hochschulen mit Netzanschluss, Geräten und Software lässt offenbar keinen Platz für die gesellschaftlich nicht minder entscheidende Frage nach den Inhalten, die mittels dieser Ausrüstung vermittelt werden sollen. Die Ergebnisse dieser Leerstelle in der Diskussion sind verheerend. Alle nationalen Lernstandserhebungen sowie der internationale Pisa-Test in den vergangenen Jahren zeigen eindeutig, dass sich die allerorten geforderten Kompetenzen nicht nur nicht einstellen wollen, sondern sich in einem atemberaubenden Tempo der Verlust von Grundkompetenzen wie Schreiben, Lesen und Rechnen erweist. Wie soll jedoch ohne diese das Kompetenzset des 21st Century Learners und der souveräne Umgang mit den Anforderungen und Praktiken der Digitalisierung ohne diese zu erreichen sein? Welche Methoden, welches Wissen sind erforderlich?

Die Festlegung der Kompetenzen reicht aber offenkundig nicht aus, wie es etwa auch Julian Nida-Rümelin anmahnt und in der Diskussion das Individuum wieder in den Vordergrund stellen will: „In den digitalen Lebenswelten der Zukunft ist Ich-Stärke so sehr wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte gefordert. Darauf muss sich das Bildungssystem einstellen. Die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen hat dem höchsten Ziel, der Stärkung der Persönlichkeit der Heranwachsenden, zu dienen. […] Die Einheit der Person, der Respekt vor dem menschlichen Individuum mit seinen unterschiedlichen Facetten, Begabungen, Interessen und Fähigkeiten erfahren nicht die nötige Aufmerksamkeit. Im Idealfall findet das Kind, die Jugendliche, der junge Erwachsene auf dem Bildungsweg sich selbst.“[3]Nida-Rümelin, Julian/Weidenfeld, Nathalie: Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, München 2018, S. 161.

Das Ausbleiben dieser Debatte um den Bildungsbegriff ist gesellschaftlich gefährlich, denn es gibt gewichtige – gesellschaftliche, politische und nicht zuletzt ökonomische – Gründe, um die Inhalte, die wir vermitteln wollen, neu anzufachen. Die technische Ausrüstung reicht nicht. Wir müssen Themen der Digitalisierung in alle Fächer hinein bringen und den Schülerinnen und Schülern diesen „Weltbezug“ neu vermitteln. Daneben werden abstraktes Wissen, eine in die Zukunft offene individuelle Förderung von Urteilsvermögen und Mündigkeit in der jetzigen Phase der digitalen Transformation die wichtigsten Anforderungen an das Bildungssystem sein. Es ist höchste Zeit, die Debatte um den Bildungsbegriff wieder substanziell ernst zu nehmen und das Verhältnis zwischen Bildung und Ausbildung in ihrem Widerstreit zu diskutieren.

Nachweise   [ + ]

1. Bieri, Peter: Wie wäre es, gebildet zu sein?, in: Heiner Hastedt (Hg.): Was ist Bildung. Eine Textanthologie, S. 228-229.
2. Exemplarisch und als Blaupause für viele andere Bildungsdossiers: Fadel, Charles u.a.: Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen, Hamburg 2017.
3. Nida-Rümelin, Julian/Weidenfeld, Nathalie: Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, München 2018, S. 161.